Die Kommune

Peter Kropotkin

I

Wenn wir sagen, daß die soziale Revolution sich durch die Befreiung der Kommunen vollziehen muß und daß nur die Kommunen, vollständig unabhängig, befreit von der Oberherrschaft des Staates, uns die Verhältnisse schaffen können, unter welchen die soziale Revolution vollbracht werden kann – dann wirft man uns vor, daß wir eine Gesellschaftsform ins Leben zurückrufen wollen, welche sich sehr überlebt hat.

«Aber die Kommunen» – sagt man uns – «gehören der Vergangenheit an! Indem ihr den Staat zer- stören und an dessen Stelle die freien Kommunen setzen wollt, blickt ihr zurück in die Vergangenheit; ihr wollt uns wieder ins Mittelalter zurückführen, den Krieg zwischen den Kommunen wieder ent- fachen, und die nationale Einheit vernichten, welche im Laufe der Geschichte so mühevoll erkämpft wurde!»

Untersuchen wir also diese Einwände.

Zuerst müssen wir feststellen, daß jeder Vergleich mit der Vergangenheit nur einen relativen Wert hat. Wenn die Kommune, welche wir anstreben, wirklich nichts anderes wäre als eine Rückkehr zur Kommune des Mittelalters, dann müßte man zugeben, daß sie heute nicht jene Formen annehmen kann, in welchen sie vor siebenhundert Jahren auftrat. Es ist begreiflich, daß die Kommune, die sich heute, in unserem Jahrhundert der Eisenbahnen und Telegraphen, der internationalen Wissenschaft und dem Suchen nach reiner Wahrheit entwickelt, so verschieden von der Kommune des zwölften Jahrhunderts organisiert sein wird, daß wir einer ganz verschiedenen Tatsache gegenüberstehen, wel- che sich unter neuen Verhältnissen entfalten und ganz neue Ergebnisse erzeugen wird.

Übrigens sollten unsere Gegner, die Verfechter des Staates in seinen verschiedenen Formen, nicht vergessen, daß wir ihnen gegenüber genau dieselbe Einwendung erheben können, die sie gegen uns erheben.

Auch wir können ihnen sagen, und zwar mit mehr Recht, daß sie es sind, welche in die Vergangen- heit zurückblicken, da der Staat eine gerade so alte Form ist wie die Kommune. Nur ist ein Unterschied da: Während der Staat in der Geschichte die Verneinung aller Freiheit, den Absolutismus und die Will- kür, den Ruin seiner Untertanen, den Galgen und die Tortur darstellt, ist es gerade in der Befreiung der Kommunen und in der Empörung der Völker und der Kommunen gegen den Staat, daß wir die schönsten Seiten der Geschichte entdecken. Wenn wir die Vergangenheit betrachten, werden wir un- sere Blicke gewiß nicht einem elften Ludwig oder fünfzehnten Ludwig von Frankreich, oder einer Kaiserin Katharina von Rußland zuwenden, sondern viel eher den Kommunen und Republiken von Amalfi und Florenz, von Toulouse und Laon, Lüttich und Courtray, Augsburg und Nürnberg, Pskow und Nowgorod.

Es handelt sich also nicht darum, sich mit Worten und Scheinwahrheiten zu begnügen; wir müssen die Sache selbstständig untersuchen und beurteilen und nicht jene Geschichtsschreiber nachahmen, die uns sagen: «Die Kommune ist das Mittelalter! Deshalb ist sie abgetan.» Wir antworten darauf: «Der Staat ist die ganze Vergangenheit von Missetaten; also ist er noch viel mehr abgetan».

Zwischen der Kommune des Mittelalters und jener, welche heutzutage entstehen kann und wahr- scheinlich bald entstehen wird, wird es viele wesentliche Unterschiede geben; ein ganzer Abgrund von sechs oder sieben Jahrhunderten langer menschlicher Entwicklung und harter Erfahrungen trennt die beiden voneinander. Untersuchen wir die hauptsächlichsten unter diesen.

Was ist der Hauptzweck dieser ‹Verschwörung› oder Vereinigung, welche die Bürger einer Stadt im zwölften Jahrhundert zu schließen pflegten? – Gewiß, er ist sehr beschränkt. Das Ziel ist, sich von der Herrschaft der Feudalherren zu befreien. Die Bewohner, Kaufleute und Handwerker, versammeln sich und schwören, «niemandem zu erlauben, wer immer es auch sei, einem von ihnen ein Unrecht zuzufügen und sie hinfür als Leibeigene zu behandeln»; es ist gegen ihre alten Herren, daß die Kom- mune sich in Waffen erhebt. – «Kommune» - sagt ein Schriftsteller des zwölften Jahrhunderts, den A. Thierry^1 anführt – «ist ein neues und verhaßtes Wort, und dies ist es, was man unter diesem Wort versteht: die lehenspflichtigen Leute zahlen ihrem Lehensherrn nur einmal im Jahre die Abgaben, die sie ihm schuldig sind. Wenn sie sich etwas zu Schulden kommen lassen, sind sie quitt mit einer gesetz- lich festgesetzten Geldstrafe; und was die Kontribution an Feld anbelangt, welche man gewöhnlich den Leibeigenen auferlegt, so sind sie davon ganz befreit.»

Es ist also der feudale Grundbesitzer, gegen den sich die Kommune des Mittelalters erhebt. Es ist der Staat, von welchem sich die heutige Kommune zu befreien trachten wird. Das ist ein wesentlicher Unterschied, denn es war gerade der Staat – in Gestalt des Königs –, welcher später, als er merkte, daß die Kommunen sich vom Feudalherren zu befreien versuchten, seine Armeen aussandte, um – wie die Chronik erzählt – «die Tollheit dieser Maulaffen zu bestrafen, die wegen der Kommune Miene machen, sich gegen die Krone zu empören und zu erheben.»

Die kommende Kommune wird wissen, daß sie keine Obrigkeit mehr über sich anerkennen kann; daß über ihr nur das Interesse der Föderation stehen kann, welche sie selbst in freier Übereinkunft mit anderen Kommunen geschlossen hat. Sie weiß, daß es keinen Mittelweg gibt: entweder wird die Kom- mune vollkommen frei sein, um sich sämtliche Einrichtungen zu geben, die sie will und alle Reformen und Revolutionen zu vollbringen, welche sie für notwendig finden wird, oder sie wird bleiben, was sie bis heute war, eine bloße Filiale des Staates, gefesselt in all ihren Bewegungen, immer auf dem Punkt, mit dem Staate in Konflikt zu geraten, und sicher, daß sie in dem Kampfe, der daraus folgen würde, unterliegen wird. Sie weiß, daß sie den Staat zerstören und denselben durch die Föderation ersetzen muß, und sie wird demgemäß handeln. Mehr als dies – sie wird die Mittel dazu haben. Heutzutage sind es nicht mehr bloß die kleinen Städte, welche die Fahne des Kommunal-Aufstandes erheben. Es ist Paris, Lyon, Marseille, Carthagena, und bald werden es alle großen Städte sein, welche dieselbe Fahne erheben werden. Wenn es geschieht, wird die Frage ganz anders aussehen.

Indem sie sich vom Feudalherrn befreite – hat die Kommune des Mittelalters sich auch von je- nen reichen Bürgern befreit, die durch den Handel mit Waren und Kapital sich innerhalb der Stadt Privatreichtümer erworben hatten?

Keineswegs! Nachdem sie den festen Turm ihres adeligen Herrn niedergerissen, sahen die Bewoh- ner der Städte bald innerhalb der Kommune selbst die Zwingburgen der reichen Herren Kaufleute sich erheben, um die ärmeren Bürger zu unterdrücken; und die Geschichte der mittelalterlichen Kom- munen ist ein erbitterter Kampf zwischen den Reichen und den Armen, ein Kampf, der unvermeidlich zur Einmischung des Königs führte. Die Aristokratie wurde im Schoße der Kommune selbst immer mächtiger; und das Volk, welches gegenüber den reichen Herren der oberen Stadt in dieselbe Knecht- schaft zurücksank, welche es ehemals von außerhalb der Stadt wohnenden Feudalherren erduldete, begriff, daß es nichts mehr an der Kommune zu verteidigen hatte; es ließ die Mauern im Stich, wel- che es aufgeführt, um seine Freiheit zu erkämpfen und welche tatsächlich zu Bollwerken seiner neu- en Knechtschaft geworden waren. Es hatte nichts zu verlieren und überließ es deshalb den reichen Kaufleuten, sich selbst zu beschützen. Und diese wurden besiegt; durch Luxus und Laster verweich- licht, ohne Unterstützung von seiten des Volkes, waren sie bald gezwungen, der Aufforderung des königlichen Abgesandten Folge zu leisten und übergaben diesem die Schlüssel ihrer Stadt. In anderen Kommunen waren es die Reichen selber, die die Tore ihrer Stadt den kaiserlichen, königlichen oder fürstlichen Armeen öffneten, um sich vor der Rache des Volkes, welches sie fortwährend bedrohte, zu retten.

Aber wird es nicht die erste Sorge der Kommune des zwanzigsten Jahrhunderts sein, diesen ge- sellschaftlichen Ungleichheiten ein Ende zu machen? Sich des gesamten gesellschaftlichen Kapitals, welches in ihrer Mitte aufgehäuft ist, zu bemächtigen und dasselbe jenen zur Verfügung zu stellen, die sich dessen bedienen wollen, um zu produzieren und um den allgemeinen Wohlstand zu vermehren? Wird sie nicht vor allem darauf bedacht sein, die Macht des Kapitals zu brechen und das Entstehen einer Aristokratie, welche den Sturz der mittelalterlichen Kommune verursachte, auf immer unmög- lich zu machen? Wird sie mit einem Wort ihre Vorläufer nachahmen, die in der Kommune bloß einen Staat im Staate zu schaffen versuchten? Die, indem sie die Herrschaft des Feudalherrn oder des Kö- nigs zerstörten, nichts Besseres zu tun wußten als – bis in die kleinsten Einzelheiten hinein – immer wieder dieselbe Herrschaft aufzurichten, vergessend, daß diese Herrschaft, wenn sie auch innerhalb der Mauern der Stadt beschränkt war, dennoch alle Laster ihres Vorbildes bewahrt hat? Werden die Proletarier unseres Jahrhunderts jene Florentiner nachahmen, die, während sie die Adelstitel abschaff- ten oder dieselben als Schandmal zu tragen befahlen, zur selben Zeit eine neue Aristokratie, jene des großen Geldbeutels, entstehen ließen? Werden sie tun wie jene Handwerker, die, nachdem sie sich des Stadthauses bemächtigt, ehrfurchtsvoll ihre Vorgänger nachahmten, und die ganze Stufenleiter der Herrschaft, die sie umgestürzt hatten, wiederherstellten? Werden sie bloß die Personen wechseln und die Einrichtungen selbst unberührt lassen?

Auf keinen Fall. Die Kommune des zwanzigsten Jahrhunderts, gestärkt durch die Erfahrungen, wird etwas Besseres zu tun wissen. Sie wird in Wahrheit, und nicht nur dem Namen nach eine Kommune sein. Sie wird nicht ausschließlich kommunalistisch, sondern kommunistisch sein. Revolutionär in politischer Beziehung, wird sie in den Fragen ihrer Produktion und des Austausches revolutionär vorgehen. Sie wird den Staat nicht abschaffen, um ihn aufs neue aufzubauen; und viele Kommunen werden dies durch ihr Beispiel predigen, indem sie die repräsentativen (parlamentarischen) Regierun- gen verwerfen und sich hüten werden, ihr Selbstbestimmungsrecht den Zufälligkeiten der Wahlurne zu überlassen.

II

Hat die Kommune des Mittelalters, nachdem sie das Joch ihres Feudalherrn abgeschüttelt, denselben in jenem Punkt zu bekämpfen gesucht, in welchem seine Stärke lag? Hat sie versucht, der Bauernbevölkerung, die denselben umgab, zu Hilfe zu eilen, und hat sie, im Besitz der Waffen, welche den Leibeigenen am Lande fehlten, diese Waffen in den Dienst jener Unglücklichen gestellt, auf welche sie hochmütig von ihren Stadtmauern herabblickte? Weit entfernt davon! Von ausschließlich selbstsüchtigem Gefühl geleitet, schloß sich die Kommune des Mittelalters innerhalb ihrer Wälle ein. Wie oft hat sie eifersüchtig ihre Tore verschlossen und ihre Zugbrücken aufgezogen vor den Sklaven, die sie um Zuflucht baten; und hat sie dieselben nicht unter ihren Augen, im Bereich ihrer Armbrüste von den Feudalherren niedermetzeln lassen? Stolz auf ihre Freiheiten, versuchte sie nicht, dieselben auf jene auszudehnen, die draußen in Knechtschaft schmachteten. Für diesen Preis – den Preis der Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft bei ihren Nachbarn – hat manche Kommune ihre Unabhängigkeit erhalten. Und dann, war es schließlich nicht auch im Interesse des reichen Bürgers innerhalb der Kommune, die Leibeigenen des flachen Landes immer an die Scholle gebunden zu sehen, ohne die Industrie und den Handel zu verstehen, immer gezwungen, die Stadt in Anspruch zu nehmen,

um sich mit Eisen, Metallen und Industrieprodukten versehen zu können? Und als der Handwerker dem Leibeigenen über die trennende Mauer die Hand reichen wollte, was konnte er gegen den Willen des Großbürgers tun, der die Straßen beherrschte, der allein das Kriegshandwerk verstand und kriegsgeübte Söldlinge in seinem Dienste hielt?

Aber jetzt, welch ein Unterschied! Würde die Pariser Kommune, hätte sie gesiegt, sich darauf beschränkt haben, sich mehr oder weniger freie munizipale Einrichtungen zu geben? Das Pariser Proletariat, seine Ketten zerbrechend, das wäre die soziale Revolution gewesen – zuerst in Paris, dann in den Gemeinden am Lande. Sogar während sie ihren Todeskampf der Verteidigung führte, sprach die Pariser Kommune zu den Bauern:Nehmt euch das Land, das ganze Land!^2 Sie hätte sich nicht auf diese Worte beschränkt und wäre es dazu gekommen, so würden ihre tapferen Söhne mit den Waffen in der Hand in die fernen Dörfer geeilt sein, um den Bauern zu helfen,ihreRevolution zu vollbringen, d.h. diejenigen, die sich des Bodens bemächtigt haben, zu verjagen und das Land selber in Besitz zu nehmen, um es jedem zugänglich zu machen, der es fruchtbar machen kann.

Die Kommune des Mittelalters war bestrebt, sich in ihre Mauern einzuschließen; jene von heute wird das Bestreben haben, sich auszubreiten, sich zu verallgemeinern. An Stelle der kommunalen Privilegien setzt sie die menschliche Solidarität.

Die mittelalterliche Kommune konnte sich in ihre Mauern einschließen und sich bis zu einem gewissen P mit den Waffen in der Hand in die fernen Dörfer geeilt sein, um den Bauern zu helfen,ihreRevolution zu vollbringen, d.h. diejenigen, die sich des Bodens bemächtigt haben, zu verjagen und das Land selber in Besitz zu nehmen, um es jedem zugänglich zu machen, der es fruchtbar machen kann.

Die Kommune des Mittelalters war bestrebt, sich in ihre Mauern einzuschließen; jene von heute wird das Bestreben haben, sich auszubreiten, sich zu verallgemeinern. An Stelle der kommunalen Privilegien setzt sie die menschliche Solidarität.

Die mittelalterliche Kommune konnte sich in ihre Mauern einschließen und sich bis zu einem gewissen Punkte von ihren Nachbarn isolieren. Wenn sie mit anderen Kommunen in Verbindung trat, beschränkten sich diese Verbindungen meistens auf irgendeinen Vertrag zur Verteidigung der städtischen Rechte gegen die Feudalherren, oder auf einen Solidaritätspakt zum gegenseitigen Schutze der Mitglieder der Kommunen auf ihren langen Reisen. Und als zwischen den Städten wirkliche Bündnisse geschlossen wurden, wie in der Lombardei, in Spanien, in Belgien, spalteten sich diese Bündnisse, aus zu ungleichartigen Elementen gebildet, zu unbeständig wegen ihren verschiedenartigen Privilegien, bald wieder in abgesonderte Gruppen, oder sie unterlagen den Angriffen der benachbarten Staaten. Welch ein Unterschied im Vergleich zu den Gruppen, die sich heute formen würden! Eine kleine Gemeinde könnte heute nicht acht Tage lang leben, ohne durch die Kraft der Ereignisse selbst gezwungen zu sein, sich mit den Mittelpunkten des industriellen, kommerziellen, künstlerischen Lebens in regelmäßige Verbindung zu setzen; und diese Mittelpunkte würden ihrerseits das Bedürfnis empfinden, ihre Tore für die Bewohner der Nachbardörfer, der umliegenden Gemeinden und der fernen Städte weit aufzutun.

Wenn diese oder jene große Stadt morgen die ‹Kommune› proklamiert; wenn sie in ihrem Bereiche das Privateigentum abschafft und den vollständigen Kommunismus, das heißt den gemeinsamen Genuß des gesellschaftlichen Kapitals, der Arbeitsmittel und der Produkte der so geleisteten Arbeit einführt, so werden – angenommen den Fall, daß feindliche Heere die Stadt nicht umzingeln – in wenigen Tagen Reihen von Wagen in ihren Markthallen eintreffen, Lieferanten werden ihr aus fernen Häfen die Rohmaterialien senden; die Industrieprodukte der Stadt werden, nachdem sie die Bedürfnisse der Einwohner befriedigt haben, an allen Ecken der Welt Käufer aufsuchen; Fremde werden in Scharen herbeiströmen; und alle, Bauern, Bewohner der Nachbarstädte, Fremde, werden, nach Hause zurückkehrend, vom wunderbaren Leben der freien Stadt erzählen, wo alle arbeiten, wo es weder Arme noch Unterdrückte mehr gibt, woalledie Früchte ihrer Arbeit genießen, ohne daß irgend jemand den besten Teil für sich beansprucht. Die Vereinzelung ist nicht zu befürchten. Wenn die Kommunisten in den Vereinigten Staaten sich über etwas zu beklagen haben, so ist es nicht die Vereinzelung, sondern vielmehr das Hineinmischen der sie umgebenden Bourgeoiswelt in ihre kommunalen Angelegenheiten.

Denn heute haben der Handel und Austausch, welche die Grenzen niedergerissen, auch die Umwallungen der ehemaligen Stadtgemeinden zerstört. Sie haben bereits den Zusammenhang zwischen denselben zustande gebracht, welcher im Mittelalter fehlte. Alle bewohnten Punkte des westlichen Europas sind so fest untereinander verknüpft, daß die Vereinzelung für einen jeden derselben unmöglich geworden ist; es gibt nicht ein Dorf, wenn es auch noch so tief zwischen den Bergen versteckt ist, welches nicht mit einem industriellen und kommerziellen Mittelpunkt in unzertrennbarer Verbindung steht.

Die Entwicklung großer industrieller Mittelpunkte hat noch mehr zustande gebracht!

Sogar noch in der heutigen Zeit könnte der Geist des ‹Kirchturmpatriotismus› manche Streitigkeiten zwischen zwei benachbarten Kommunen erregen, ihre direkte Verbindung verhindern und selbst Bruderkriege zwischen ihnen entfachen. Aber, wenn solche Eifersüchteleien tatsächlich die unmittelbare Föderation der beiden Kommunen unmöglich machen können, so wird diese Föderation dennoch – in anderer Weise – durch die Vermittlung großer Zentren ins Leben gerufen werden. Heute kommt es oft vor, daß zwei benachbarte Gemeinden keinerlei Beziehungen zueinander haben; die wenigen Beziehungen, die sie zueinander haben, dienen eher dazu, Konflikte hervorzurufen, als die Bande der Solidarität enger zu knüpfen. Aber beide haben ein gemeinsames Zentrum, mit dem sie in lebhaftem Verkehr stehen, ohne welches sie nicht existieren können. Welcher Art darum auch immer die Eifersüchteleien zwischen den beiden Kommunen sein mögen, so werden diese doch nicht umhin können, durch die Vermittlung der großen Stadt, in der sie ihren Bedarf einkaufen und ihre Produkte absetzen, eine Vereinigung miteinander einzugehen. Jede der beiden Gemeinden muß an derselben Verbindung teilnehmen, damit sie ihre Beziehungen zu ihrem Zentrum aufrecht erhalten und sich fest an dasselbe anschließen kann.

Und dennoch könnte dieses Zentrum kein gefahrdrohendes Übergewicht über die umliegenden Kommunen erlangen. Dank der unendlichen Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse industriellen und kommerziellen Ursprungs, stehen heute alle bewohnten Orte mit mehreren Zentren in Verbindung, und in dem Maße, wie ihre Bedürfnisse steigen, werden sie sicunkte von ihren Nachbarn isolieren. Wenn sie mit anderen Kommunen in Verbindung trat, beschränkten sich diese Verbindungen meistens auf irgendeinen Vertrag zur Verteidigung der städtischen Rechte gegen die Feudalherren, oder auf einen Solidaritätspakt zum gegenseitigen Schutze der Mitglieder der Kommunen auf ihren langen Reisen. Und als zwischen den Städten wirkliche Bündnisse geschlossen wurden, wie in der Lombardei, in Spanien, in Belgien, spalteten sich diese Bündnisse, aus zu ungleichartigen Elementen gebildet, zu unbeständig wegen ihren verschiedenartigen Privilegien, bald wieder in abgesonderte Gruppen, oder sie unterlagen den Angriffen der benachbarten Staaten. Welch ein Unterschied im Vergleich zu den Gruppen, die sich heute formen würden! Eine kleine Gemeinde könnte heute nicht acht Tage lang leben, ohne durch die Kraft der Ereignisse selbst gezwungen zu sein, sich mit den Mittelpunkten des industriellen, kommerziellen, künstlerischen Lebens in regelmäßige Verbindung zu setzen; und diese Mittelpunkte würden ihrerseits das Bedürfnis empfinden, ihre Tore für die Bewohner der Nachbardörfer, der umliegenden Gemeinden und der fernen Städte weit aufzutun.

Wenn diese oder jene große Stadt morgen die ‹Kommune› proklamiert; wenn sie in ihrem Bereiche das Privateigentum abschafft und den vollständigen Kommunismus, das heißt den gemeinsamen Genuß des gesellschaftlichen Kapitals, der Arbeitsmittel und der Produkte der so geleisteten Arbeit einführt, so werden – angenommen den Fall, daß feindliche Heere die Stadt nicht umzingeln – in wenigen Tagen Reihen von Wagen in ihren Markthallen eintreffen, Lieferanten werden ihr aus fernen Häfen die Rohmaterialien senden; die Industrieprodukte der Stadt werden, nachdem sie die Bedürfnisse der Einwohner befriedigt haben, an allen Ecken der Welt Käufer aufsuchen; Fremde werden in Scharen herbeiströmen; und alle, Bauern, Bewohner der Nachbarstädte, Fremde, werden, nach Hause zurückkehrend, vom wunderbaren Leben der freien Stadt erzählen, wo alle arbeiten, wo es weder Arme noch Unterdrückte mehr gibt, woalledie Früchte ihrer Arbeit genießen, ohne daß irgend jemand den besten Teil für sich beansprucht. Die Vereinzelung ist nicht zu befürchten. Wenn die Kommunisten in den Vereinigten Staaten sich über etwas zu beklagen haben, so ist es nicht die Vereinzelung, sondern vielmehr das Hineinmischen der sie umgebenden Bourgeoiswelt in ihre kommunalen Angelegenheiten.

Denn heute haben der Handel und Austausch, welche die Grenzen niedergerissen, auch die Umwallungen der ehemaligen Stadtgemeinden zerstört. Sie haben bereits den Zusammenhang zwischen denselben zustande gebracht, welcher im Mittelalter fehlte. Alle bewohnten Punkte des westlichen Europas sind so fest untereinander verknüpft, daß die Vereinzelung für einen jeden derselben unmöglich geworden ist; es gibt nicht ein Dorf, wenn es auch noch so tief zwischen den Bergen versteckt ist, welches nicht mit einem industriellen und kommerziellen Mittelpunkt in unzertrennbarer Verbindung steht.

Die Entwicklung großer industrieller Mittelpunkte hat noch mehr zustande gebracht!

Sogar noch in der heutigen Zeit könnte der Geist des ‹Kirchturmpatriotismus› manche Streitigkeiten zwischen zwei benachbarten Kommunen erregen, ihre direkte Verbindung verhindern und selbst Bruderkriege zwischen ihnen entfachen. Aber, wenn solche Eifersüchteleien tatsächlich die unmittelbare Föderation der beiden Kommunen unmöglich machen können, so wird diese Föderation dennoch – in anderer Weise – durch die Vermittlung großer Zentren ins Leben gerufen werden. Heute kommt es oft vor, daß zwei benachbarte Gemeinden keinerlei Beziehungen zueinander haben; die wenigen Beziehungen, die sie zueinander haben, dienen eher dazu, Konflikte hervorzurufen, als die Bande der Solidarität enger zu knüpfen. Aber beide haben ein gemeinsames Zentrum, mit dem sie in lebhaftem Verkehr stehen, ohne welches sie nicht existieren können. Welcher Art darum auch immer die Eifersüchteleien zwischen den beiden Kommunen sein mögen, so werden diese doch nicht umhin können, durch die Vermittlung der großen Stadt, in der sie ihren Bedarf einkaufen und ihre Produkte absetzen, eine Vereinigung miteinander einzugehen. Jede der beiden Gemeinden muß an derselben Verbindung teilnehmen, damit sie ihre Beziehungen zu ihrem Zentrum aufrecht erhalten und sich fest an dasselbe anschließen kann.

Und dennoch könnte dieses Zentrum kein gefahrdrohendes Übergewicht über die umliegenden Kommunen erlangen. Dank der unendlichen Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse industriellen und kommerziellen Ursprungs, stehen heute alle bewohnten Orte mit mehreren Zentren in Verbindung, und in dem Maße, wie ihre Bedürfnisse steigen, werden sie sich zur Befriedigung derselben an neue Zentren anschließen. Unsere Bedürfnisse sind so verschiedenartig, sie vermehren sich so schnell, daß eine einzige Föderation bald nicht mehr genügen wird, um sie alle zu befriedigen. Die Kommune wird also das Bedürfnis fühlen, noch andere Bündnisse zu schließen, sich noch anderen Föderationen beizugesellen. Während die Kommune der einen Gruppe angehört, wegen der Erlangung der zum Unterhalt dienenden Lebensmittel, wird sie gleichzeitig Mitglied einer zweiten sein müssen, um sich andere notwendige Gegenstände (Metalle z.B.) zu beschaffen, und einer dritten und vierten wird sie sich anschließen, um ihren Bedarf an Zeugstoffen und Kunstwerken decken zu können.

Wenn wir eine ökonomische Karte, ganz gleich von welchem Lande, zur Hand nehmen, so werden wir finden, daß es feste wirtschaftliche Grenzen nirgends gibt. Die Produktions- und Austauschzonen der verschiedenen Produkte dringen eine in die andere ein, sie verwickeln sich ineinander und decken sich gegenseitig. Ebenso werden die Föderationen der Kommunen, wenn sie nichts in ihrer freien Ent- wicklung mindert, einander kreuzen, umgeben und decken, und auf solche Art zu einem festen Geflechte auswachsen. Und dieses kompakte Geflecht wird mit weit größerem Rechte das Attribut «eins und unteilbar» verdienen, als jene staatlichen Gruppierungen, die lediglich aneinandergeschlossen sind, etwa wie die einzelnen Ruten in dem Bündel, welches das Beil des Lictors^3 umgibt.

Also – wir wollen es noch einmal sagen, alle diejenigen, welche uns glauben machen wollen, daß die Kommunen, sobald sie sich von der Vormundschaft des Staates befreit haben, mit einander kollidieren, und sich gegenseitig in inneren Kriegen aufreiben werden, vergessen eines: nämlich die enge Verbindung, die schon heute, dank den industriellen und kommerziellen Zentralpunkten, dank der großen Anzahl dieser Zentren und dank unaufhörlich fortlaufenden Beziehungen hierhin und dorthin, zwischen den verschiedenen Orten besteht. Diese Unglückspropheten vergegenwärtigen sich den ungeheuren Abstand nicht zwischen dem Mittelalter mit seinen abgeschlossenen Städten und seinen schwerfälligen Handelszügen, die auf ungangbaren Wegen beständig den Überfällen der Raubritter ausgesetzt waren, und der modernen Zeit, mit ihrem ungeheuren Menschenzufluß und -Abfluß, mit ihren ungezählten Massen von Kaufmannsgütern, mit ihren Briefen und Telegrammen, mit ihren Ideen und weltbewegenden Geistesströmungen, die von Stadt zu Stadt brausen, wie die Gewässer niemals versiegender Flüsse! Diese Zweifler haben nicht die geringste Vorstellung davon, welch ein ungeheurer Unterschied zwischen den beiden Epochen besteht, die sie miteinander zu vergleichen suchen!

Übrigens: zeigt uns die Zeitgeschichte nicht, daß der Instinkt der Föderation schon heute ein dringendes Bedürfnis der Menschheit geworden ist? Wenn eines Tages der Staat, ganz gleich aus wel- chem Grunde, sich im Zustande der Auflösung befindet, wenn die Unterdrückungsmaschine in ihren Funktionen nachläßt, so werden von selbst freie Vereinigungen allenthalben sofort entstehen. Wir brauchen nur an die freiwilligen Föderationen der bewaffneten Bourgeoisie während der großen französischen Revolution zu erinnern oder an diejenigen, welche in Spanien entstanden, und die Unabhängigkeit dieses Landes retteten, als der Staat durch die siegreichen Armeen Napoleons bis in seine Grundfesten erschüttert war. Sobald der Staat nicht mehr imstande ist, Zwangsorganisationen aufrecht zu erhalten, wird an deren Stelle die freie Vereinigung aus sich selbst heraus, gemäß den natürlichen Bedürfnissen, in die Erscheinung treten. Verneinen wir den Staat, und die auf der freien Föderation basierende Gesellschaft wird aus seinen Ruinen emporblühen! Und diese Gesellschaft wird wahrhaft «eins und unteilbar», auch wahrhaft frei, und durch ihre Freiheit unübertreffbar solidarisch sein!

Aber es ist bei Erörterung dieser Frage noch etwas anderes zu erwägen. Für den Bourgeois des Mittelalters war die Kommune ein isolierter Staat, der von allen anderen durch seine Grenzen scharf geschieden war. Für uns bedeutet «Kommune» nicht mehr eine territorial abgegrenzte Anhäufung menschlicher Wohnungen, sondern vielmehr einen Gattungsnamen, einen sinnverwandten Ausdruck für eine Gruppierung von Gleichen, die weder Grenzen noch Mauern kennen. Die soziale Kommune wird bald auf hören, etwas genau Bestimmbares zu sein. Jede Gruppe der Kommune wird notwendigerweise zu gleichartigen Gruppen anderer Kommunen engere Beziehungen unterhalten und sich mit ihnen föderieren. Und die Bünde, welche die verwandten Gruppen verschiedener Kommunen aneinander knüpfen, werden zum mindesten ebenso dauerhaft sein, wie diejenigen, welche die einzelne Gruppe an die Kommune, der sie angehört, schließen. Diese Gruppen Verbindung wird dergestalt eine Interessenkommune bilden, deren Mitglieder über Tausende von Städten und Dörfern zerstreut sind.

Manches Individuum wird die Befriedigung seiner Bedürfnisse nur so finden, wenn es sich mit anderen Individuen gruppiert, welche denselben Geschmack haben, aber vielleicht über hundert entfernte Kommunen verteilt sind.

Schon heute beginnen die freien Gesellschaften das ganze ungeheure Feld menschlicher Tätigkeit zu überziehen. Nicht allein um Bedürfnissen wissenschaftlicher, literarischer oder künstlerischer Art zu genügen, werden solche Gesellschaften, von Leuten, denen es an der nötigen Muße dazu nicht mangelt, ins Leben gerufen, auch nicht nur, um Bündnisse für den modernen Klassenkampf zu schließen.

Man wird kaum eine der zahllosen mannigfaltigen Manifestationen menschlicher Tätigkeit finden, die nicht durch solche zwanglos gebildeten Gesellschaften repräsentiert wäre, und die Zahl dieser Gesellschaften wächst unaufhörlich. Jeden Tag reißen sie neue Tätigkeitsgebiete an sich, sogar sol- che, die bisher als ausschließliche Domänen des Staates betrachtet wurden. Literatur, Kunst, Wissenschaft, Erziehungswesen, Handel, Industrie, Gewerbe, Vergnügungen; Gesundheitspflege, Museen, auswärtige Unternehmungen, Polar-Expeditionen, sogar die Verteidigung bedrohten Landes, Pflege- und Hilfsdienst für Verwundete, Abwehr gegen Bedrücker und selbst gegen die Gerichte: auf allen diesen Gebieten sehen wir die persönliche Initiative in Form freier Gesellschaften platzgreifen. Dies ist die Tendenz, der hervorstechende Zug der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

Und diese Tendenz wird ihren ungehinderten Aufschwung nehmen und ein neues, ungeheures Feld der Betätigung finden, sie wird die Grundlage der zukünftigen Gesellschaft bilden. Auf Grund freier Gruppen wird sich die soziale Kommune organisieren, und diese Gruppen werden die Mauern um- stürzen und die Grenzlinien auslöschen. Es wird Tausende von Kommunen geben, und diese werden nicht mehr untereinander abgegrenzt sein, sondern sie werden sich über Flüsse, Gebirge und Meere hinweg die Bruderhand reichen, und alle Individuen und Völker, die über den ganzen Erdball zerstreut leben, in eine große Familie von Gleichen vereinigen!