Brief Jacob Walchers an Nikolai Bucharin, 26. Mai 1927

Jacob Walcher

Lieber Genosse Bucharin!

Bange Sorge über die Zustände in unserer Partei veranlassen mich, Deine kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen, Dir eine ungeschminkte Schilderung der gegenwärtigen Lage der Partei zu geben und soweit das im Rahmen eines Briefes möglich ist, auch meine Meinung zu den einzelnen Fragen zu sagen.

Als ich aus Moskau zurückkehrte, neigte ich zu der Annahme, daß die Partei in Verfolgung einer grundsätzlich richtigen Linie sich mehr oder minder erfolgreich bemühte, ihre Aufgaben durchzuführen. Ich mußte jedoch bald erkennen, daß es die Partei nicht verstand, günstige objektive Möglichkeiten in maximaler Weise auszunützen. Ich will nur an die Fürstenentschädigung erinnern. Nach der gewaltigen Volksbewegung hat die Parteiführung plötzlich vor der weiteren Durchführung der Einheitsfronttaktik Angst bekommen, aus diesem Grunde die sympathisierenden Kräfte und Organisationen, die sich um den Kuczynski-Ausschuß gesammelt hatten, sich selbst überlassen und ohne Ziel und Plan den Kongreß der Werktätigen auf die Tagesordnung gesetzt. Daß hier, lediglich zu dem Zweck, den Ultralinken den Wind aus den Segeln zu nehmen und in völliger Verkennung der Lage ein großer Aufwand schmählich vertan wurde, ist heute für jeden ersichtlich, der sehen will. Diese Flucht aus der Fürstenenteignungskampagne zum Ko[ngreß] d[er] W[erktätigen] ist nicht zufällig erfolgt, sondern aus Furcht vor einer weiteren Berührung mit der SPD und aus Scheu vor ultralinken Angriffen. Eine Tatsache, die sich immer wieder in den politischen Handlungen des ZK beobachten läßt. Das schlimmste aber in diesem Falle war, daß durch die Ko[ngreß] d[er] W[erktätigen]-Kampagne die Partei das Interesse an der Fortsetzung der Kampagne gegen die Fürsten allmählich erlahmen ließ und nicht zu bewegen war, um nun auch in Preußen, wo die Frage erneut zur Entscheidung stand, und wo in formaler Hinsicht die Sache viel leichter war, die Initiative zur Einleitung einer Volksentscheidskampagne zu ergreifen. Derartige Anträge sind dem ZK von verschiedenen Seiten und sogar auch von den radikalen Weddingern unterbreitet worden. Die Partei hatte also die Möglichkeit, ohne innerparteiliche Hemmungen, eine Frage, die die breitesten Massen leidenschaftlich erregte, auf Monate zum Mittelpunkt des politischen Lebens zu machen, also gerade das zu tun, was die Sozialdemokraten um jeden Preis verhindern wollten.

Was ein solches Vorgehen unserer Partei für die Sozialdemokratie bedeutet hätte, das kann man sehr deutlich aus den jüngsten Debatten auf dem Kieler Parteitages ersehen.

Den sechswöchigen Geburtswehen der Bürgerblockregierung braucht man nur die Tatsache gegenüberzustellen, daß unsere Partei in dieser Zeit in der politischen Öffentlichkeit so gut wie keine Beachtung fand, weil sie es absolut nicht verstand, durch entsprechende Losungen und durch konsequente Anwendung der Einheitsfronttaktik die Massen mobil zu machen, obwohl dafür sehr günstige Voraussetzungen bestanden. (Was die Partei meines Erachtens in dieser Situation konkret hätte tun müssen, habe ich kurz in dem Artikel dargelegt, den ich unter dem Titel „Die Einheitsfronttaktik in Theorie und Praxis“ an die „Kommunistische Internationale“ im Februar eingereicht habe, der aber leider nicht veröffentlicht wurde).

Auf dem Essener Parteitag, wo es mir übrigens nicht ermöglicht wurde, das, was ich für notwendig hielt, auszusprechen, sah ich die Partei seit Frankfurt zum ersten Male wieder. Mein Eindruck war ein günstiger. Ich konnte mich aus den Verhandlungen wie aus vielen Privatgesprächen überzeugen, daß die Parteimitgliedschaft aus den ultralinken Fehlern viel gelernt hat und heute mehr als je bereit ist, vernünftige Anweisungen zwecks Durchführung der Einheitsfronttaktik und besonders der Gewerkschaftsarbeit innerlich zu akzeptieren und praktisch durchzuführen. Mein Optimismus wurde auch durch das Auftreten des Vertreters der Exekutive bestärkt. Auf die negativen Momente dieser Tagung, besonders auf die Neigung, jede Äußerung zu einer praktischen Frage (Taktik gegenüber der linken SPD, Kontrolle der Produktion, Aktionsprogramm), wenn sie im Widerspruch zu der offiziellen Auffassung stand, als fraktionellen Vorstoß zu werten, will ich nicht weiter eingehen. Ich will Dir gegenüber aber nicht verschweigen, daß sich nachträglich das so geräuschvoll aufgemachte Auftreten eines sozialdemokratischen Arbeiters als ein großer Bluff herausstellte, der uns wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen gebracht hat. Als Genosse Beck vom Einheitskomitee versuchte, die Adressen der Unterzeichner des Briefes zu bekommen, konnte er sie von niemand erhalten.

Die Hoffnung manches Genossen, daß durch die in Essen erfolgte Neuwahl des ZK eine Besserung in der praktischen Politik der Partei eintreten werde, hat sich nicht erfüllt. Ich übertreibe nicht, wenn ich Dir sage, daß diese pessimistische Auffassung heute in weiteren Parteikreisen geteilt wird. Sogar ein Mitglied des ZK, der Genosse Dietrich, hat unlängst sowohl dem Genossen Tittel wie auch Böttcher gegenüber geäußert, es sei jetzt im ZK schlimmer als vorher.

Und in der Tat: Würde sich einer der verantwortlichen Genossen in Moskau die Mühe machen, an Hand der Presse und sonstiger Unterlagen nachzuprüfen, welche Rolle unsere Partei, - nicht in ihren offiziellen Berichten, sondern in der nüchternen Wirklichkeit - beim Kampf gegen das Arbeitszeitnotgesetz des Bürgerblocks spielte, er käme zu einem sehr betrüblichen Resultat. Dabei war die Frage der gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit wie kaum eine andere geeignet, die Massen zu ergreifen und in Bewegung zu bringen. Diese ungewöhnliche Chance hat die Partei verpaßt, obwohl es auch hier an Anregungen nicht gefehlt hat. Heute steht in den Augen der breiten Massen die SPD und der Bundesvorstand des ADGB, also dieselben Burschen, die wie bei so vielem anderen, auch am Raube des Achtstundentages beteiligt waren, als die eifrigsten Kämpfer für den Achtstundentag da.

Betrachtet man die Arbeit der Partei im Roten Frontkämpferbund und Reichsbanner, so möchte es einen Hund jammern. Erinnere Dich an die Entstehungsgeschichte des Reichsbanners und daran, daß der „Reichsbannerkamerad“ Marx zum Kanzler des Bürgerblocks geworden ist, dann kannst Du Dir vorstellen, welche Erregung die Koalition mit dem Zentrum unter den sozialdemokratischen Mitgliedern des Reichsbanners auslösen mußte und ausgelöst hat. In vielen Orten ist es zu offener Rebellion gekommen. Ganze Ortsgruppen sind aus dem Reichsbanner ausgetreten. Im Rheinland mußten unlängst 18 Ortsgruppen aus dem RB ausgeschlossen werden. Bei einer halbwegs klugen Politik der Partei und des RFB war es möglich der Riesenorganisation des RB gewaltigen Abbruch zu tun, breite Massen dem RFB anzugliedern und so vor allem im Hinblick auf die akuten Kriegsgefahren die Stoßkraft der Arbeiterklasse gewaltig zu stärken.

Dazu war aber vor allem eines unerläßliche Voraussetzung: Der RFB durfte nicht als rein kommunistische Organisation in Erscheinung treten. Er soll ja eine überparteiliche proletarische Klassen- und Kampforganisation sein. Das müßte aber auch in der Zusammensetzung der Leitung und in der Besetzung der sonstigen Funktionärsposten zum Ausdruck kommen. Tatsache ist jedoch, daß die Funktionärsposten fast ausnahmslos von Kommunisten besetzt sind. Die hier obwaltenden Tendenzen sind Dir wohl ausreichend erklärt, wenn ich auf die Tatsache verweise, daß auf dem Reichskongreß des RFB {1} von 84 Delegierten 84 Kommunisten waren! Daß unter diesen Umständen sozialdemokratische Reichsbannermitglieder, auch wenn sie empört aus dem RB austreten, nur sehr selten dem RFB beitreten, ist für jeden, der die Mentalität der sozialdemokratischen Arbeiter kennt, ohne weiteres verständlich. Und doch könnte das alles sehr leicht zu unseren Gunsten geändert werden.

Berücksichtigt man andere Spezialgebiete, wie die Mieter-, Jugend-, Frauen- und Gewerkschaftsbewegung, so wird das Bild nicht freundlicher. Ich habe dieser Tage das Protokoll einer Sitzung unserer Mieterfraktion Groß-Berlin (vom 20. Mai, gez. Bolze) gelesen. Davon ist sicher bei der Komintern eine Abschrift und ich rate Dir, darin Einblick zu nehmen.

Die Kommunistische Jugendbewegung hat hochgerechnet 20000 Mitglieder. Ich finde das beschämend niedrig. In der Gewerkschaftsbewegung ist es zwar besser geworden, aber ein so gut unterrichteter Genosse wie August Enderle behauptet, daß im letzten Jahr trotz aller Anstrengungen die Bilanz im günstigsten Falle einen Ausgleich für uns ergibt. Von einem nennenswerten Erfolg kann keine Rede sein.

Der Mißerfolg unserer Arbeit auf den verschiedensten Gebieten liegt meines Erachtens in der gesamten Linie der Partei begründet. Hauptsächlich darin, daß es die Partei nicht versteht, ein richtiges Verhältnis zu der sozialdemokratischen Opposition herzustellen. Nehme bitte die Resolution zur Hand, die zur Lage in der Partei vom Plenum des ZK angenommen wurde (siehe ZK-Rundschreiben vom 6. Mai), dort findest Du einen Absatz, der sich gegen die „Rechten“ richtet, nach meiner festen Überzeugung haben in den beiden dort angeführten konkreten Fällen die angegriffenen Genossen Melcher und Tittel prinzipiell recht, und nicht das ZK. Worum handelt es sich? Nehmen wir den Fall Melcher. Melcher ist ein alter, erprobter Genosse, der sowohl als Bevollmächtigter des DMV in Stuttgart, wie als Gewerkschaftssekretär der BL Berlin-Brandenburg vorbildliche Arbeit leistete, und heute Polsekretär im Bezirk Ostsachsen mit dem Sitz in Dresden ist. Der dortige Ortsausschuß des ADGB hatte beschlossen, sich an der Maifeier als desinteressiert zu erklären und ihre Durchführung den politischen Parteien zu überlassen. Am 26. April hat dann das dortige sozialdemokratische Organ einen Auszug aus dem Mai[aufruf] der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale veröffentlicht, in dem die Gewerkschaften aufgefordert wurden, überall geschlossene, einheitliche Maikundgebungen zu veranstalten. Zwei Tage vor dem 1. Mai veröffentlichte Genosse Melcher im Namen der Bezirksleitung unserer Partei einen Aufruf, an die gewerkschaftlich organisierten Arbeitermassen, wo er auf die Aufforderung der Amsterdamer Internationale bezug nahm und feststellte, daß sich der Ortsauschuß des ADGB mit seiner Haltung in Widerspruch zu den Direktiven seiner eigenen Spitzenorganisation gestellt habe. Dieses Ausspielen der gegensätzlichen reformistischen Äußerungen hat das ZK dem Genossen Melcher als opportunistische Entgleisung angekreidet. Gewiß, der Aufruf der Amsterdamer Internationale ist in seinem materiellen Inhalt schandbar. Aber Melcher hat den gesamten Aufruf nicht gekannt, sonst hätte er bestimmt nur mit einem gewissen Vorbehalt auf die Aufforderung des IGB bezug genommen. Es muß jedoch beachtet werden, daß nicht diese Unterlassung, sondern die Tatsache, daß er die Reformisten überhaupt gegeneinander ausspielte, ihm die Vorwürfe des ZK eingebracht hat. Wie soll man bei einer solchen Haltung der Parteiführung Politik machen und ganz besonders Gewerkschaftsarbeit leisten?

Ebenso unhaltbar ist nach meiner Überzeugung die Position des ZK im Fall Tittel. T[ittel] ist Polsekretär in Thüringen. Dort ist die Sozialdemokratie in Rechte und Linke gespalten, die sich auf zwei geographisch verschiedene Gebiete verteilen. T[ittel] hat nun unsere Genossen in einem Artikel angewiesen, daß sie in den Gebieten, wo noch die rechten Sozialdemokraten dominieren, wo bislang überhaupt noch keine Opposition vorhanden ist, die Äußerungen der linken Sozialdemokraten gegen die offizielle Politik der SPD ausnützen sollen. Es muß allerdings gesagt werden, daß Tittel seinen Gedankengang hätte in besseren Formulierungen zum Ausdruck bringen können. Aber das ZK wendet sich auch in diesem Falle nicht gegen anfechtbare Formulierungen, sondern dagegen, daß Tittel auffordert, die Argumente der Linken zum Kampf gegen die Rechten zu benützen.

Ich glaube, die ernsten Folgen, die sich aus dieser Einstellung des ZK nach meiner Überzeugung unvermeidlich ergeben müssen, rechtfertigen es, wenn ich Dich bitte, Dir diese Dinge genau anzusehen. Wenn Du dann noch Zeit findest, den Artikel zu lesen, den ich unter dem Titel: „Die KPD und der linke Flügel der deutschen Arbeiterbewegung“ im theoretischen Organ unserer Partei veröffentlicht habe {2} , sowie die Antwort, die der Genosse Osten [Lominadse] daraufhin geschrieben hat {3} , so wirst Du über die Tragweite dieser Frage unterrichtet sein. Die nächste Nummer der ”Internationale” wird eine Erwiderung von mir enthalten und wiederum eine Replik des Genossen Osten [Lominadse]. {4} Ich will mich über den Ton des Genossen Osten [Lominadse] in diesem zweiten Artikel nicht auslassen, aber ich finde, daß es nicht im Parteiinteresse liegt, wenn mich Genosse Osten [Lominadse] so quasi zu den Renegaten zählt und mir mit dürren Worten droht: „Keinen Schritt weiter! Denn noch ein Schritt, und dann gibt es kein Zurück mehr zum revolutionären Bolschewismus.“ Ich finde solche Drohung, was mich persönlich betrifft, kindisch. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es für unsere Sache von Nutzen ist, wenn man in der Öffentlichkeit verkündet, Leute, die so wie Jacob Walcher denken, sind reif für den Ausschluß. Da Osten [Lominadse] ja nicht irgendwer ist, sondern hier als Vertreter der Exekutive fungiert, wäre es mir sehr lieb, wenn ich erfahren könnte, ob seine Auffassung, die wahrlich von Sachkenntnis nicht getrübt ist, von irgend jemand in der Exekutive gebilligt wird.

Inwieweit Genosse Osten [Lominadse] für die eigenartigen Methoden in der „Durchführung“ der Konzentration verantwortlich ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Dinge liegen hier so, daß das ZK zwar theoretisch die Konzentration anerkennt, aber praktisch geschieht vielfach das Gegenteil. Ich glaube, daß sich Genosse Kuus[inen] in Essen überzeugen mußte, daß beim ZK in bezug auf die Durchführung der Konzentration allerhand Widerstände bestehen. Trotzdem Genosse K[uusinen] wiederholt und mit Nachdruck die Notwendigkeit der Konzentration aller Kräfte unterstrichen hat, haben sich inzwischen einige Fälle ereignet, die das strikte Gegenteil einer Konzentration sind und ganz bestimmt nicht im Parteiinteresse liegen. So ist die Genossin Rosi Wolfstein, die lange Jahre vor dem Kriege im linksradikalen Flügel wirkte, während des Krieges eifrig und unerschrocken illegal arbeitete und die dem Reichsfrauensekretariat seit seinem Bestehen ununterbrochen, selbst in der Aera Ruth Fischer-Scholem angehörte, vor kurzem auf Verlangen des ZK aus dieser Körperschaft entfernt worden. Bei uns besteht natürlich ebenso wie anderwärts ein Mangel an erfahrenen, politisch geschulten und rednerisch gewandten Genossinnen. Gegen die Tätigkeit der Genossin R[osi] W[olfstein] im Reichsfrauensekretariat läßt sich nicht das mindeste einwenden. Von den Vertretern des ZK ist das auch gar nicht versucht worden. Sie wurde entfernt, weil sie in „Kampfstellung“ gegen das ZK steht, d.h. weil es sich die Genossin R[osi] W[olfstein] nicht nehmen ließ, bei verschiedenen Gelegenheiten offen ihre Meinung auszusprechen, wenn ihr etwas nicht richtig erschien. Die Genossin Erna Halbe, auch eine alte erprobte Kämpferin, ist aus dem Reichsfrauensekretariat entfernt und in ein Kinderheim abgeschoben worden. Der stärkste Verstoß gegen die notwendigste Konzentration ist in jüngster Zeit gegen den Genossen Erich Steffen, Polsekretär des Bezirks Pommern, unternommen worden. [Erich] Steffen ist in Essen zwar nicht im Plenum des Parteitages, aber in Kommissionen und in internen Besprechungen kritisch aufgetreten und hat sich dadurch das Mißfallen des ZK zugezogen. Obgleich dieser Genosse seit zwei Jahren im Bezirk Pommern tätig ist und durch übermenschliche Arbeit erreicht hat, daß jener vollständig ruinierte Bezirk seine zahlenden Mitglieder von ca. 500 auf mehr als 2000 steigerte, obgleich es dank seiner Arbeit gelungen ist, der Sozialdemokratie in Stettin gewaltigen Abbruch zu tun, obgleich [Erich] Steffen bei den parteilosen und sozialdemokratischen Arbeitern ein großes Ansehen genießt, und obgleich das ZK anerkennen muß, daß [Erich] Steffen mit Eifer und Erfolg gearbeitet hat, soll er jetzt unter den fadenscheinigsten Vorwänden beseitigt und durch Strötzel ersetzt werden. Dieser Strötzel ist ein verkappter Ultralinker, dazu nach allseitiger Meinung völlig unfähig, was sich in seinem bisherigen Wirkungskreis in Leipzig deutlich genug offenbarte. Die Mitglieder der engeren und weiteren Bezirksleitung in Stettin sind wegen des Beschlusses des ZK in heller Empörung. Mit allen gegen eine Stimme haben die Genossen dem ZK den dringenden Antrag unterbreitet, von der Durchführung seines verhängnisvollen Beschlusses Abstand zu nehmen, weil sonst eine schwere Schädigung unserer Bewegung im dortigen Bezirk unvermeidlich sei. Es ist sehr bezeichnend, daß der Beschluß des ZK dort nur von den Ultralinken, die unter dem Einfluß von Obendiek stehen, begrüßt wird. Eine große Parteiarbeiterkonferenz in Stettin hat sich mit allen gegen zwei Stimmen gegen die beabsichtigten Maßnahmen des ZK ausgesprochen.

In der Linie des Kampfes gegen die „Rechten“ liegt auch das Verhalten des ZK gegenüber den Genossen Brandler und Thalheimer. Im Januar wurde beschlossen, sie zur literarischen Arbeit heranzuziehen. Bis heute ist davon nichts zu merken. Eine größere Arbeit von Br[andler], die in der deutschen Ausgabe der „Kommunistischen Internationale“ erscheinen sollte {5}, war bereits im Satz, wurde aber zurückgestellt auf Grund eines Telegramms aus Moskau, das, wie hier erzählt wird, auf die Initiative des ZK zurückzuführen ist. Wie es um diesen Fall auch tatsächlich bestellt sein mag, soviel ist jedenfalls klar, die Partei hat einen erschreckenden Mangel an erfahrenen, fähigen, mit der Arbeiterbewegung verwachsenen Mitarbeitern. Deshalb wäre es Pflicht des ZK, alles zu tun, um zunächst die Mitarbeit solcher Genossen wie Br[andler] und Th[alheimer] mit allen Mitteln zu erleichtern und darüber hinaus die Bahn für ihre Rückkehr nach Deutschland freizumachen. Das ZK tut das Gegenteil. Wird hier nichts geändert, so werden die Beiden bis zum S[ank]t Nimmerleinstag in Moskau sitzen zum Schaden unserer Bewegung.

Das sind nur einige Beispiele, die eine im ganzen Reich von oben bis unten herrschende Tendenz illustrieren sollen.

Selbstverständlich muß sich diese Praxis in Verbindung mit der unzulänglichen Politik des ZK nachteilig auf die Entwicklung der ganzen Partei und die praktischen Resultate ihrer Politik auswirken. Das ZK sucht diesem Übelstand durch eine geradezu unheimliche Betriebsamkeit des Apparates abzuhelfen. Die Produktion von Rundschreiben ist erschreckend. Hat doch ein Bezirk im vorigen Monat, der 24 Arbeitstage hatte, nicht weniger als 16 Rundschreiben an seine Funktionäre herausgegeben. Der zentrale Apparat überbietet die Produktivität noch. Allgemein klagen die Genossen, daß es unmöglich sei, diese Überfülle von Anweisungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn durchzuführen. Die unteren Funktionäre sind in einer unerträglichen Weise überlastet, was von allem anderen abgesehen, die Werbekraft der Partei in stärkster Weise beeinträchtigt. Eine Genossin, die seit Jahr und Tag einen Betrieb sehr intensiv bearbeitet, hat im Laufe der Zeit 18 Arbeiter zum Eintritt in die Partei aufgefordert. Mit jedem einzelnen hat sie besonders und zu verschiedenen Zeiten Rücksprache genommen. Sie hatte nicht in einem einzigen Fall Erfolg. Alle 18 haben den Beitritt zur Partei abgelehnt, mit der Begründung, sie seien zwar mit den Kommunisten einig und bereit, ihre Bestrebungen zu unterstützen, aber Parteimitglieder könnten sie nicht werden, weil sie nicht jeden Abend an Sitzungen, Versammlungen, Demonstrationen usw. teilnehmen können. Das Beispiel ist typisch. Diese Methode, den Mangel an politischer Klarheit und Stetigkeit durch organisatorische Maßnahmen und sinnlose Überlastung der Funktionäre zu ersetzen, muß sich natürlich in mehrfacher Hinsicht schädlich auswirken.

Forscht man nach den Ursachen, auf die die Mängel und Unzulänglichkeiten in unserer Partei zurückzuführen sind, so will es mir scheinen, daß das Hauptübel darin zu suchen ist, daß die Vergangenheit der Partei von den Ultralinken in voller Weise verzerrt und entstellt wurde und daß bis heute die von den Ultralinken geschaffene Parteilegende aufrechterhalten wird. Nach Erscheinen des Offenen Briefes schien es, daß die Partei auf dem besten Wege ist, die ultralinken Irrungen und Wirrungen zu überwinden. Daß sie Zeit braucht, um fähig zu werden, die neue prinzipiell unanfechtbare Linie ohne Wanken und Schwanken durchzuführen, war nach der schweren Krise für jeden Einsichtigen selbstverständlich. Im Offenen Brief ist gegen die Ultralinken u. a. gesagt worden:

„Das antibolschewistische Spiel der Gruppe Maslow selbst beweist am klarsten, daß Lenin sich auf dem III. Weltkongreß nicht einen ‚Popanz von linken Gefahren‘ ausmalte, sondern daß diese Gefahren noch heute, vier Jahre nach dem III. Weltkongreß, die Entwicklung der deutschen Partei hemmen, sie an der gesunden, politischen Arbeit hindern und ihre Ideologie vergiften.“ {6}

Nach den inzwischen gemachten Erfahrungen scheint es mir erwiesen, daß es besser gewesen wäre, wenn im Offenen Brief die Kennzeichnung der Linken bis zu Ende durchgeführt und ausgesprochen worden wäre, daß die Maslowiten von allem Anfang an zu Unrecht gegen die offizielle Parteilinie und gegen die Komintern Sturm gelaufen sind. Damit wäre die Legende, daß die Maslowiten jahrelang auch gegen den Widerstand der Exekutive tapfer und konsequent gegen den Opportunismus in der KPD gekämpft hätten, nicht nur zerstört, sondern es wäre auch den späteren Wühlereien der Ultralinken der Boden entzogen worden und die Partei hätte die Möglichkeit gehabt, ihre in der Vergangenheit gemachten Fehler, insbesondere jene von 1923, frei von ultralinken Verzerrungen und Übertreibungen zu erkennen und daraus die so bitter notwendigen Lehren zu ziehen. Die Glorifizierung der Politik der früheren „Linken“ steht in schreiendem Gegensatz zu den Erfordernissen unserer praktischen Tagespolitik und ist die Ursache für die innere Unsicherheit und Hemmungen der jetzigen Parteiführung. Mit jedem Tag wird es deutlicher, daß wir um die Bereinigung der Parteivergangenheit, um die Zerstörung der von den Maslowiten geschaffenen Legende nicht herumkommen, wenn die gesamte Partei die ideologische Festigkeit und Geschlossenheit erlangen soll, die für die Erfüllung ihrer Aufgaben unerläßlich sind. Heute krankt die ganze Partei, vor allem ihre Führung, an einer lächerlichen Furcht vor dem Gespenst des Opportunismus. Das schreckt und ängstigt sie bei jeder praktischen Entscheidung. Das führt zu den von weitem sichtbaren Schwankungen und Unsicherheiten, die ihr die Erfüllung ihrer praktischen Aufgaben erschwert und oft unmöglich macht. Selbstverständlich sind solche Eigenschaften kein verläßlicher Schutz gegen wirkliche opportunistische Entgleisungen. Dafür bietet der Offene Brief, den die Berliner Bezirksleitung im Einvernehmen mit dem ZK am 3. Mai anläßlich des Aufmarsches der Stahlhelmer an die Berliner soz[ial]d[emokratische] Partei- und Gewerkschaftsinstanzen gerichtet hat, ein drastisches Beispiel. {7}

Solange die Parteilegende besteht, ist auch ein erfolgreicher Kampf zur Vernichtung der Ultralinken undenkbar. Solange die Maslow und Konsorten unwidersprochen darauf pochen können, daß sie jahrelang die bolschewistische Linie verfochten, gegen den Opportunismus gekämpft und schließlich die Partei gerettet haben, solange ist es nicht möglich, die Tausende guter, opferbereiter Proletarier, die heute noch den Ultralinken Gefolgschaft leisten, innerlich für die Partei zu gewinnen. Ich bin fest überzeugt, wenn im Kampf gegen die Ultralinken die Dinge bis zu Ende ausgesprochen worden wären, dann wäre es den Leuten nicht möglich geworden, an die Gründung einer neuen Partei auch nur zu denken. Heute haben wir damit als mit einer Tatsache zu rechnen. Meines Erachtens ist es ganz verkehrt, wenn man aus den Erfahrungen mit der KAP folgert, die neue ultralinke Partei werde in kurzer Zeit am Ende ihres Lateins sein und zerfallen. Die KAP ist zerfallen, weil sie antigewerkschaftlich, antiparlamentarisch, antibolschewistisch war, weil sie prinzipiell die III. Internationale bekämpfte und weil sie die Rolle der Partei völlig verkannte. Zwar sind auch die Ultralinken antibolschewistisch - übrigens nicht erst seit heut‘ und gestern - und ganz bestimmt in gefährlicherem Grade als die KAP, aber sie streiten das ganz entschieden ab, sie erklären vor den Arbeitern immer wieder das Gegenteil. Soweit die Politik der Maslowiten auf die Gewinnung der sozialdemokratischen und parteilosen Massen abzielt, ist sie absolut aussichtslos. Man soll aber nicht übersehen, daß innerhalb unserer Partei eben dank der Parteilegende eine Mentalität besteht, die für die ultralinken Methoden sehr günstig ist. Deshalb glaube ich, daß gerade auch in Hinblick auf den erfolgreichen Kampf gegen die Ultralinken die Aufrollung und Bereinigung der Parteivergangenheit unerläßlich ist.

Das ZK bildet sich offenbar ein, daß der Kampf gegen die Ultralinken erleichtert wird, wenn er durch Angriffe auf die „Rechten“ kompensiert wird. Diese Methode ist Dir ja nicht unbekannt. Es fällt mir auch nicht ein, unter bestimmten Voraussetzungen ihre Berechtigung zu bestreiten. Entscheidend für ihre Zulässigkeit ist, daß das ZK eine richtige Politik führt und daß zweitens wirkliche Opportunisten geprügelt werden. Die entscheidende Voraussetzung ist beim heutigen ZK der Partei nicht gegeben. Seine Politik ist, wie gesagt, unsicher, schwankend und darum fruchtlos. Weil es so ist, darum muß die Methode der Kompensation die Konfusion und alle Übelstände noch vergrößern.

Was muß nun geschehen, um aus dieser Lage herauszukommen? Ich glaube, es wäre nicht viel erreicht, wenn durch die Initiative der Exekutive eine Änderung in der Zusammensetzung des Polbüros und seines Sekretariats durchgeführt würde. Eine solche Änderung ist zwar wünschenswert und notwendig, aber wie die Dinge liegen, kann sie nur dann von Nutzen sein, wenn sie sich ergibt als Resultat einer Klärung, die sich in der ganzen Partei bis in die unterste Zelle vollziehen muß. Mit einem Wort: es ist notwendig, daß in unserer Partei die aktuellen taktischen Probleme bis zu Ende durchdiskutiert werden und daß zweitens eine gründliche Klärung der Parteivergangenheit erfolgt. Ich bin ganz entschieden gegen die Auffassung, die von einer solchen Diskussion eine Beeinträchtigung in der Durchführung der aktuellen Aufgaben befürchtet. Das Gegenteil ist richtig. Durch eine Diskutierung der jeweils aktuellen Probleme in Verbindung mit einer Bereinigung der Vergangenheit wird die gesamte Partei, ihr ganzer Funktionärstab zu einer einheitlichen und geschlossenen Ideologie kommen. Gerade ihr russischen Genossen müßt dafür volles Verständnis haben. Ich erinnere mich, wie in der Vorkriegszeit von unseren Parteispießern über die russischen „Silbenstecher“ gespottet wurde. Die Leute hatten absolut kein Verständnis, weshalb die Bolschewiken mit solcher Hartnäckigkeit und Konsequenz die Probleme bis zu Ende durchdiskutierten und sozusagen um den letzten i-Punkt den heftigsten Streit ausfochten. Und doch ist ganz klar, daß die RKP niemals zu dieser herrlichen, vorbildlichen Partei geworden wäre, daß sie nie ihre Riesenaufgaben hätte bewältigen können, wenn eben die Bolschewiki nicht in jahrzehntelanger, leidenschaftlicher Diskussion sich die erforderliche Klarheit über Weg und Ziel geschaffen hätten. Die KPD ist noch eine werdende Partei, sie kann zu einer herrschenden nur werden, wenn sie, gleich den Bolschewiki, die Probleme nach allen Seiten und bis zu Ende durchdiskutiert. Das ist es, was der Partei Not tut. Dazu brauchen wir Eure Unterstützung. Es muß aufgeräumt werden mit dem heutigen Brauch, wonach jeder, der eine abweichende Auffassung vertritt und einen unerwünschten Vorschlag macht, sofort als Opportunist, als Feind der Partei bezeichnet und den Genossen denunziert wird. Wie sollen sich bei dieser Methode die Kräfte in der Partei entwickeln, wie soll sich unter solchen Verhältnissen eine Parteiführung herausbilden, die imstande ist, allen Anforderungen gerecht zu werden?

Will die Exekutive noch ein Übriges tun, so sollte sie der deutschen Sektion einen anderen Vertreter senden. Genosse Osten [Lominadse] ist dafür nicht geeignet. Er hat für die komplizierten Verhältnisse in Deutschland nicht das genügende Verständnis, ja nicht einmal das notwendige Verantwortungsbewußtsein. Dafür ein bezeichnendes Beispiel. Genosse Osten [Lominadse] ist bereits mehr als ein Jahr hier. Aber vor etwa drei Monaten hat er den Genossen Meyer gefragt, ob im Reichstag eine sozialdemokratisch-kommunistische Mehrheit bestehe. Nun ich muß sagen, hätte ich dem ZK angehört, so hätte ich vorgeschlagen, nach einer solchen Frage die Exekutive um ein Rückreisebillett für den Genossen O[sten, Lominadse] zu ersuchen. Denn es ist doch klar, gäbe es eine sozialdemokratisch- kommunistische Mehrheit im Reichstag, so wäre das eine für unsere gesamte Politik grundlegende Tatsache.

So, mein lieber Bucharin, jetzt habe ich meine Sorgen zu Papier gebracht. Ihre Beurteilung liegt jetzt in Deinem Ermessen. Ich habe mich nicht leichten Herzens zu diesem Brief entschlossen. 1924 habe ich einmal an Genossen Sinowjew geschrieben, um ihn auf verhängnisvolle Maßnahmen der Ruth-Fischer-Zentrale aufmerksam zu machen. Er hat den Brief Ruth Fischer übergeben mit dem Effekt, daß das Übel noch verstärkt wurde. Zu Dir habe ich das Vertrauen, daß Du, auch wenn Du in manchem Punkt meine Auffassung nicht teilen solltest, in diesem Brief nichts anderes erblickst, als das redliche Bemühen, unhaltbare Zustände in der Partei zu kennzeichnen und zu ihrer Beseitigung beizutragen.

Besten Gruß

J[acob] Walcher