Brief Jacob Walchers an Clara Zetkin, 7. Oktober 1927

Jacob Walcher

Teure Genossin Zetkin!

Ein nicht weniger als erfreulicher Anlaß zwingt mich heute meine bisherige Schweigsamkeit aufzugeben und Sie mit diesen Zeilen zu behelligen.

Sie haben wohl schon vernommen, daß der Beschluß betr. die Rückkehr des Gen[ossen] Aug[ust Thalheimer] wiederum aufgehoben ist. {1} Angeblich ging die Initiative von den russischen Gen[ossen] aus und die wackeren Mannen im Sekretariat des Polbüros hatten es alsdann mit der Rückgängigmachung eines von der Z[entrale] gegen 2 Stimmen gefaßten Beschlusses derart eilig, daß sie nicht mehr Zeit fanden, die Angelegenheit wenigstens dem Polbüro zu unterbreiten, sondern sie haben Hals über Kopf die Bezirke benachrichtigt, daß die Rückkehr Th[alheimers] um 6 - 8 Wochen (andere sprechen von 6 Monaten) verzögert sei. Dabei verschmähten sie nicht den Kniff, die Sache so darzustellen, als ob Thal[heimer] mit der neuesten Wendung einverstanden sei oder diese gar selbst veranlaßt habe. In Wahrheit sind natürlich unsere Moskauer Freunde {2} aufs äußerste empört.

Was sind die Gründe? Wir waren zunächst geneigt, in dem ganzen Fall die Praktizierung der üblichen Taktik zu erblicken, Angriffe von „links“ durch Prügel auf die Rechten zu kompensieren. Wir haben jedoch Grund zu der Annahme, daß diesmal auch noch andere Gründe vorliegen.

Heinz [Heinrich Brandler] hat mir bereits mitgeteilt, daß drüben sehr geheimnisvoll von einem Brief gemunkelt werde, den Sie an Buch[arin] gerichtet hätten. {3} Außerdem habe ich aus verläßlicher Quelle erfahren, daß ein Mitglied des ZK äußerte, die Rechten hätten sich die Aufhebung des Beschlusses selbst zuzuschreiben, denn es sei doch nicht verwunderlich, wenn ein ganz hervorragender Vertreter solche Briefe schreibe, wie es im Laufe der letzten Woche geschehen sei. Hält man diese beiden Mitteilungen zusammen, so ist nicht von der Hand zu weisen die Vermutung, daß Ihr Brief an B[ucharin] den Vorwand gab zur Annullierung des Beschlusses.

Dürfte ich Sie unter diesen Umständen bitten, mir wenigstens für kurze Zeit eine Kopie des Briefes zu übersenden. Ich werde davon selbstverständlich keinen Gebrauch machen und sie niemandem zeigen, es sei denn, daß Sie mich dazu ausdrücklich ermächtigen würden.

Herzliche Grüße

Ihr ergebener

J[acob] Walcher